Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist an seiner Misere selbst Schuld

23.02.2016

causa.tagesspiegel: ARD und ZDF werden für Aufgaben finanziert, die private Medien so nicht leisten können, schreibt der frühere Bundesinnenminister. Deshalb ist die Kritik umso schärfer, wenn sie dem Anspruch nicht gerecht werden. Dr. Hans-Peter Friedrich in einem Gastbeitrag zur Debatte „Was tun gegen die Glaubwürdigkeitskrise der Medien?“

Das Jahr 2016 hat nicht gut angefangen für die deutschen Medien. Über die Straftaten gegen Frauen am Kölner Hauptbahnhof in der Silvesternacht berichteten sie nicht oder zu spät. Das ZDF sah sich am 5. Januar zu einer spektakulären Entschuldigung durch den stellvertretenden Chefredakteur veranlasst.

Die Medien sind unter Rechtfertigungsdruck, zumal die öffentlich-rechtlichen. Zurecht: Wer von den Bürgern im Wesentlichen mit Zwangsgebühren finanziert wird, der muss seinem gesetzlichen Informationsauftrag auch nachkommen.

Wahrhaftigkeit und Berichterstattung nach bestem Wissen und Gewissen müssen dabei oberster Grundsatz journalistischer Sorgfalt sein. Es ist ein falsches Verständnis von der Aufgabe der Medien in einer freien Gesellschaft, wenn Professor Andrea Römmele in diesem Forum meint, die deutschen Medien sollten „sehr wohl (berechtigten) Optimismus verbreiten angesichts einer Herausforderung, um die Deutschland ohnehin nicht herumkommt.“

Die deutschen Medien verstehen sich selbst traditionell als kritische Begleiter, sogar als Kontrolleure der Politik. Sie legen gerne den Finger in die Wunde. In der Migrationspolitik soll das plötzlich nicht gelten? Hier wird von ihnen eine einseitig wohlwollende Meinungsmache verlangt? Wenn die Bürger diesen Eindruck bekommen, resultiert das zwingend in Glaubwürdigkeitsverlust.

Medien scheinen nicht über im eigenen Alltag erfahrene Probleme mit unkontrollierter Migration zu berichten

Aber warum explodierte die Empörung so heftig? Die Antwort ist darin zu suchen, dass bei vielen Deutschen über die Monate die Zweifel daran gewachsen sind, dass die Politik die Lage im Griff hat. Zugleich schienen sich die im persönlichen Alltag erfahrenen Probleme mit der massenhaften unkontrollierten Migration nicht in der Berichterstattung der Medien niederzuschlagen: der ideale Nährboden für Verschwörungstheorien von angeblichen Staatsmedien, die nur berichten, was politisch gewünscht scheint. Für die Eruption brauchte es nur noch einen Anlass.

In diese Lage platzten Köln und ähnliche Vorfälle in weiteren deutschen Städten. Die katastrophale Kommunikation der Kölner Polizei und des nordrhein-westfälischen Innenministers ist ein anderes Thema, das allerdings auch nicht in Vergessenheit geraten sollte: Am Neujahrsmorgen lagen der Kölner Polizei immerhin bereits 100 Anzeigen vor, bis Mitte Februar waren es über 1000.

Bis heute ist unklar, weshalb ARD und ZDF über Kölner Silvesternacht später berichteten als Kölner Lokalmedien

Bis heute ungeklärt ist, warum tatsächlich so viele Medien die schlimmen Ereignisse der Silvesternacht nicht aufgriffen. Schon am Neujahrstag kursierten in den sozialen Medien Berichte von Opfern und Zeugen. In ihrem steten Bemühen um Modernität beschäftigen auch ARD und ZDF inzwischen etliche Mitarbeiter, die Internet und soziale Medien genau verfolgen. In verschiedenen Sendungen sind Internetkommentare sogar ausdrücklich Teil der Berichterstattung, beispielsweise mit den Formaten „Netzschau“ und „Netzreporter“ in den öffentlich-rechtlichen Morgenmagazinen.

Haben diese Journalisten tatsächlich keine Berichte aus Köln auf Facebook, Twitter etc. gelesen, ihre Brisanz nicht erkannt, ihren Wahrheitsgehalt nicht überprüfen können? Merkwürdig auch, daß die Kölner Lokalmedien sehr wohl berichtet hatten: Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ und der „Express“ meldeten bereits am 1. und 2. Januar die Vorfälle und berichteten von Schilderungen auf in sozialen Medien, in denen Nordafrikaner und Flüchtlinge als mögliche Täter genannt worden waren.

Die Diskussion um die Rolle der klassischen Medien ist Symptom für den grundlegenden Wandel im Informationsverhalten

Die so heftig ausgebrochene Diskussion um die Rolle der klassischen Medien: ist Symptom eines grundlegenden Wandels. Das Informationsverhalten vieler Deutscher hat sich in den letzten 10-15 Jahren radikal verändert. Ständig erreichbar und informiert zu sein, ist kein Privileg junger oder besonders technikbegeisterter Menschen mehr, sondern eine Selbstverständlichkeit für die meisten von uns. Internet und soziale Medien werden auch für die Verbreitung von Informationen immer wichtiger. Die klassischen Medien müssen sich laufend neu erfinden und tun dies ja auch - oder sie verschwinden vom Markt.

Anspruch an Öffentlich-Rechtliche ist größer, da sie für Aufgaben bezahlt werden, die Private so nicht leisten können

Die öffentlich-rechtlichen Medien hingegen verschwinden nicht vom Markt. Ihre Existenz ist gewollt, weil sie (auch) Bildungs- und Informationsaufgaben erfüllen, die am Markt nicht bezahlt werden und die ein privates Medienunternehmen deshalb nicht leisten kann. Umso mehr müssen sie dieser Aufgabe auch nachkommen. Umso größer ist der Anspruch, den wir alle an sie haben – zurecht! Und deshalb geraten sie umso mehr unter Feuer, wenn sie diesem Anspruch nicht gerecht werden.

Mit dem tagelangen Schweigen zu Köln haben die öffentlich-rechtlichen Medien ein Eigentor geschossen. Sie haben Wasser auf die Mühlen derer gegossen, die das gebührenfinanzierte System der öffentlich-rechtlichen Medien grundsätzlich ablehnen. Und fast noch schlimmer: Sie machen es der „Lügenpresse“-Propaganda leichter, die übrigens an beiden politischen Rändern mit ähnlicher Rhetorik gepflegt wird.

Um Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen muss auch über Dinge berichtet werden, die so besser gar nicht passiert wären

Auch hier gilt: Vertrauen muss lange erarbeitet werden, ist aber schnell zerstört. Um es wieder aufzubauen, muss in der Flüchtlingskrise auch über Dinge berichtet werden, die besser gar nicht passiert wären. Um Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen, ist dies allerdings der einzige Weg.

Hier geht es zur Übersichtsseite der Tagesspiegel-Causa-Debatte über eine Glaubwürdigkeitskrise der Medien.