Die China-Brücke hat ihre Arbeit aufgenommen!

14.05.2020

Herr Friedrich, wann waren Sie das erste Mal in China - und wie war damals Ihr Eindruck?
Friedrich:
Vor 20 Jahren war ich das erste Mal in China und war schon damals von der Dynamik, die vor allem in Shanghai zu spüren war, fasziniert. In diesen 20 Jahren hat China noch einmal gewaltige Fortschritte gemacht - und zwar auch deswegen, weil China bereit ist, immer von anderen zu lernen und das Beste zu übernehmen.

Sie sind eher als Transatlantiker bekannt. Nun richtet sich Ihr Blick nach Osten. Wie kam es dazu?
Friedrich:
Die Atlantik-Brücke, die seit 60 Jahren ein solides Gesprächsformat mit zuverlässigen Kontakten in die USA darstellt, ist Vorbild für die China-Brücke. Für mich steht fest, dass Deutschland mit der Weltmacht China enge Gesprächskanäle und Austausch braucht. Es geht uns darum, jenseits der Tagespolitik diese Gesprächskanäle zu öffnen. Deshalb habe ich nach dem Vorbild der Atlantik-Brücke im vergangenen Jahr die China-Brücke initiiert. Mittlerweile sind renommierte Wissenschaftler, Wirtschaftsvertreter und Politiker verschiedener Parteien hinzugekommen.

Wie wichtig sind diese Gespräche - gerade in diesen schwierigen Zeiten, in denen es doch einige Streitfälle zwischen Europa, den USA und China gibt?
Friedrich:
Verlässliche und vertrauensvolle Gesprächskanäle spielen gerade in schwierigen Zeiten eine wichtige Rolle. Darüber hinaus geht es uns darum, als Gesprächsplattform die China-Kompetenz, die es in Deutschland gibt, zu vernetzen.

Zurück zu den internationalen Beziehungen: Auf der internationalen Bühne verstärkt sich doch der Eindruck, dass wir vor einem Wettlauf der Systeme stehen. Kommt es zu einer Konfrontation zwischen den liberalen Demokratien und dem autoritären chinesischen System?
Friedrich:
Die Idee des privatwirtschaftlichen Unternehmertums hat China vom Westen erfolgreich übernommen und sie ist eine der Faktoren für den Aufstieg des Landes und für das erfolgreiche Bemühen, Millionen aus der Armut zu holen. Im politischen Bereich bleiben gravierende Unterschiede zu den demokratischen Systemen des Westens. Wir sind von unserer Demokratie und seinen Entscheidungsmechanismen überzeugt und nun müssen wir zeigen, dass unser System auch für die Zukunft der richtige Weg ist. Ich bin noch keinem Chinesen begegnet, der vorgeschlagen hat, dass wir das politische System Chinas übernehmen sollten.

Stehen wir vor einem chinesisches 21. Jahrhundert?
Friedrich:
Nach anderthalb Jahrhunderten Demütigung durch die europäischen Kolonialmächte und ein Jahrhundert mit Not und Hunger ist China im 21. Jahrhundert auf die Weltbühne zurückgekehrt und beansprucht dort als Gestaltungsmacht seinen Platz.

Nur einen Platz oder die Führungsrolle?
Friedrich:
Nach meiner Beobachtung strebt China im militärischen und ökonomischen Bereich durchaus eine Führungsrolle an.

Die Führungsrolle haben gerade die USA inne. Zwischen den USA und China sind die Töne zuletzt oft sehr scharf. Müssen wir - vor den US-Präsidentschaftswahlen - mit einer weiteren Eskalation der Beziehung rechnen? Wie gefährlich ist dieser Streit?
Friedrich:
Die Chinesen wissen den US-Wahlkampf und die rhetorische Kriegsbemalung zu Wahlkampfzeiten sehr gut einzuschätzen. Allerdings wird die Gefahr sichtbar, dass im Wettbewerb zwischen China und den USA die Welt erneut in zwei Teile aufgespaltet wird. Umso wichtiger ist es, dass wir in Europa mit einer Stimme sprechen, selbst zu einer politischen Gestaltungsmacht des 21. Jahrhunderts werden und uns nicht zu einem Anhängsel der Großmächte degradieren lassen. Die Formulierung einer eigenen europäischen Chinapolitik ist deshalb von allergrößtem Interesse.

Wie könnte diese europäische China-Politik konkret aussehen?
Friedrich:
In den „Strategischen Perspektiven von EU-Kommission  und -Parlament“ zur China-Politik wird die Notwendigkeit zur Zusammenarbeit in der Gesundheits-, Klima- und Infrastrukturpolitik anerkannt - und auch klar formuliert.
Wesentliche Impulse hatten wir uns vom geplanten EU-China-Gipfel unter der deutschen EU-Ratspräsidentschaft im September erwartet. Ob der Gipfel angesichts der Corona-Krise zustande kommt, ist allerdings offen. Fest steht: Wir müssen den Dialog mit China führen und Unterschiede und Gemeinsamkeiten klar benennen.

Ist denn eine gemeinsame europäische China-Politik überhaupt noch möglich? Auf EU-Ebene sind sich doch die Mitgliedsstaaten selten in außenpolitischen Fragen einig.
Friedrich:
Das stimmt zwar, aber in den großen Linien sind die gemeinsamen europäischen Interessen klar erkennbar. Dazu gehört zum Beispiel auch das geostrategische Ziel der Stabilität auf dem eurasischen Subkontinent, das nur zusammen mit China unter Einbeziehung der aufstrebenden zentralasiatischen Staaten möglich ist.

Hat China nicht schon Hebel in einigen EU-Staaten, wie Griechenland, um auf die europäische China-Politik Einfluss zu nehmen?
Friedrich:
Wo immer ein Staat bereit ist, China die Hand zu reichen, findet er in Peking offene Türen. Dass einige EU-Mitgliedstaaten China-offener sind als andere, beispielsweise bei der „Initiative neue Seidenstraße“, kann man China nicht vorwerfen.

In der Corona-Krise wird immer wieder davon gesprochen, dass China seine Sicht aggressiv bewirbt, also das Narrativ, dass das chinesische System mit einem starken Mann an der Spitze die Corona-Krise besser bewältigt hat als die westlichen Demokratien. Könnte diese Darstellung - auch bei uns in Deutschland - verfangen?
Friedrich:
China versucht sein Gesellschafts-, Wirtschafts- und politisches System gegenüber der eigenen Bevölkerung und anderen Ländern zu rechtfertigen und zu verteidigen. Auch wir in Deutschland verteidigen mit großer Leidenschaft und Überzeugung unser demokratisches System. Und gerade Deutschland beweist in diesen Tagen, wie leistungsfähig, reaktionsschnell und flexibel ein demokratischer Bundesstaat mit den Herausforderungen auch in der Krise fertig werden kann. Wir sollten also etwas selbstbewusster und optimistischer und weniger ängstlich sein.

Inwiefern kann bei der Bewältigung der Corona-Pandemie internationale Kooperation helfen?
Friedrich:
Seit der SARS-Krise vor 17 Jahren gibt es in China umfangreiche Forschungen unter Beteiligung internationaler Wissenschaftler und Institutionen, die ihr Wissen zur Verfügung stellen. Sowohl bei der Bekämpfung des Virus selbst wie auch bei der Eindämmung der Ausbreitung kann es in einer globalisierten Welt, in der täglich zigtausende von Menschen rund um den Globus fliegen nur ein gemeinsames international abgestimmtes Vorgehen geben. Und auch was die ökonomischen Folgen angeht, sitzen wir in einer wirtschaftlich eng verflochtenen Welt gemeinsam in einem Boot.

Und die Fäden reichen bis Oberfranken. Wie eng ist die Region mit China wirtschaftlich verbunden?
Friedrich:
Allein die IHK Oberfranken berichtet von über 120 oberfränkischen Unternehmen die enge Geschäftsbeziehungen zu China haben. Hinzu kommen aber vor allem die indirekten Effekte, wenn man bedenkt, dass China beispielsweise der größte Automarkt der Welt ist und in Oberfranken eine Vielzahl von Arbeitsplätzen von der Automobilindustrie abhängen. Ähnliches gilt für den Maschinenbau, die Metall und Elektroindustrie und den Gesundheitssektor.

Wenn wir gerade bei der Wirtschaft sind: Ein Thema, das in Deutschland heiß diskutiert wird, ist der 5G-Ausbau - und die Frage, ob der chinesische Anbieter Huawei Teile der Infrastruktur stellen darf. Wie stehen Sie dazu?
Friedrich:
Wir haben in Deutschland ein hohes Interesse an der technologischen und innovativen Kraft und dem technischen Potenzial von Huawei, das übrigens schon im 4G-Netz eine zentrale Rolle spielt, aber wir haben auch klare Sicherheitsinteressen. Die Bundesregierung hat bisher beide Aspekte sehr klug und vernünftig in Einklang gebracht.

Zum Abschluss: Was können wir von China lernen? Was China von Europa?
Friedrich:
Die Chinesen sind wesentlich unideologischer als viele glauben. Die Bereitschaft, ganz pragmatisch neue Chancen zu ergreifen, ist eine chinesische Eigenschaft, die für uns Vorbild sein könnte. Und umgekehrt: Ein großer Pluspunkt für internationale Investoren ist die Rechtssicherheit, die wir in Europa bieten. Hier könnte China zur Steigerung der eigenen Attraktivität von Europa etwas lernen.